Garten der Poesie, Skulpturen von Wolfgang Sandt im Park der Villa Aganoor Pompilj in Monte del Lago

 

Wolfgang Sandt, Bildhauer aus Bayern, und Vittoria Aganoor, italienische Dichterin armenischer Herkunft, beide inspiriert von der Schönheit des Trasimenischen Sees, begegnen sich im „Garten der Poesie“ in der Villa Aganoor Pompilj in Monte del Lago sul Trasimeno. Zwei Künstler unterschiedlicher Epochen, die in unterschiedlichen Medien arbeiten und die dennoch vieles verbindet.

 

Romantische Suche in Wort und Stein

Eines der Leitmotive beider Künstler ist die Suche: die Suche nach Harmonie, nach Vollkommenheit, nach dem Wesen der Dinge. Beide folgen demnach einem zutiefst romantischen Motiv.

Das Medium von Vittoria Aganoor bei dieser Suche ist die Sprache. Vittoria Aganoor glaubt an die Magie die Worte, die Souveränität der „parola poetica“, der „parola omnipossente“:

Dichten wird zu einem Entbergen des allmächtigen Wortes aus dem empfindsamen Herzen. Ähnlich formulierte es bereits Eichendorff, dessen  „Wünschelrute“ zum Programmgedicht der Romantik wurde: „Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.“

Wolfgang Sandts Medium hingegen ist der Stein: Er begibt sich auf die Suche nach dem innewohnenden Geheimnis des Materials, seinem inneren Licht, seiner verborgenen Sprache.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung versuchte Wolfgang Sandt bewusst nicht, Vittora Aganoors Gedichte in Stein zu übersetzen – dies wäre ein viel zu vordergründiges Unterfangen gewesen. Mehr als nur von ihren geschriebenen Gedichten ließ er sich von imaginierten verloren gegangenen Briefen oder nie geschriebenen Gedichte anregen, wie in „Verlorene Gedichte“ oder „Liebesbotschaft“. Ihr Lebensweg, ihr Lebensort der letzten zehn Jahre, aber auch ihre Epoche, die Spätromantik, das „Fin de siecle“ inspirierten ihn, mit seiner eignen Formensprache etwas Neues zu schaffen und damit an die Gegenwart anzuknüpfen..

Während der Arbeit an den Skulpturen schien es ihm, als wolle der Stein zu ihm sprechen, leise, kaum hörbare Worte, die er dann selbst wiederum in Gedichten einzufangen suchte. Und so entstanden aus dem Lärm des oft brachialen Schöpfungsprozesses mit lauten Maschinen am harten Stein kleine, zurückhaltende Gedichte.

 

Schaffen aus der Natur

Vittoria Aganoor pflegt eine Poetik des romantischen Träumens in, mit und von der Natur. Kosmos, Natur, Landschaft und träumendes Ich in ihren Wechselbeziehungen bedingen also erst das poetische Schaffen, die mystische Kommunikation von Künstlerseele und Natur.

Wolfgang Sandt arbeitet überwiegend mit Stein, einem reinen, klaren, unbewegten Element. Er lässt sich damit ein auf ein archaisches Material, begegnet ihm frei von intellektueller Vorbestimmung, emotionaler Erwartung oder idealistischer Übertragung. Intensiver als jede andere Art der Kunst setzt sich die Bildhauerei mit den Gegebenheiten des Materials auseinander. Nichts könnte natürlicher, weniger künstlich sein. Der Schaffensprozess ist „instinktiv“, nahezu unbewusst, die Kommunikation zwischen Material (Natur) und Schaffendem (Kunst) ist unmittelbar und primär prozesshaft  träumerisch, ja mystisch.  Und so wachsen aus rohen Steinblöcken - wie aus dem Unbewussten des Künstlers - Lichtgestalten aus Marmor empor, für die erst viel später der Betrachter Interpretationen, Namen und Assoziationen findet (wie z.B. bei „Tochter des Nordens“).

 

Das Wesen der Dinge

Vittoria Aganoor versuchte in ihrer Lyrik, das Wesen der Dinge, das „große Geheimnis“ von Liebe und Natur zu ergründen, „die Flügel gespreizt, um von der kleinen Welt das Unendliche zu umklammern“.

Auch Wolfgang Sandts Skulpturen sind lyrische Werke, Gedichte aus Stein, oft aus lichtdurchlässigem dünnen Marmor, die trotz der Schwere des Materials mehr dem Himmel zuzustreben scheinen als der Erde verpflichtet zu sein. Wie Flügel erheben sich die “Schwingen des Sonnenuntergangs”, um einem unerreichbaren Horizont entgegenzustreben. Sandt ist fasziniert vom Gegensatz zwischen der Schwere des Materials und der Leichtigkeit der Form. Arbeiten wie „Irritation“, „Windspiel“, „Dschungel der Gedanken“ oder auch „Wellen“ scheinen von der Schwerkraft befreit zu sein.

Wolfgang Sandts Steine spielen immer mit dem gedanklichen Gegenteil ihrer vordergründigen Eigenschaften, wie dem Gegensatz zwischen der Festigkeit des Steins und der Ungreifbarkeit des Lichts. Wolfgang Sandt gelingt es, den Stein so fein zu bearbeiten, dass dieser lichtdurchlässig wird. Er erschafft damit wahre Lichtsteine, die von innen heraus zu leuchten scheinen. So lässt er aus Stein eine lichtdurchflutete Wasseroberfläche entstehen wie in „Haut des Wassers“ oder „Licht über dem See“. Ganz im Sinne Lyotards postmoderner Ästhetik spielt bei ihm also die Form selber auf ein Nicht-Darstellbares (wie das Licht) an.

 

Emigration und Heimatlosigkeit

Leben und Werk sind bei Vittoria Aganoor programmatisch miteinander verwoben. In ihrer Dichtkunst gilt es, in einer Art poetologischer Selbstreflexion die Antinomie Leben - Kunst zu überwinden. Ihre Erfahrungen im wahren Leben – die Kinder- und Jugendjahre in Padua und Venedig in einer Emigrantenfamilie, die Trauer um den früh verstorbenen geliebten Vater, die letzten Jahre am Lago Trasimeno im späten Hafen der Ehe mit Guido Pompilj – spiegeln sich analog in ihren verschiedenen Schaffensphasen wider. Ein wichtiges Thema ist dabei immer wieder die Heimatlosigkeit, die sich in ihren Gedichten von vorübergehender Verbannung bis zum inneren Exil steigert.

Auch Wolfgang Sandt beschäftigt das Thema der Heimatlosigkeit. In seinem Werk tauchen des öfteren Häuser auf: Häuser auf Rädern („mobile homes“), die bereit sind, jederzeit ihren Standort mit unbekanntem Ziel zu verlassen. Häuser, die kippelig am Rande stehen, in Abgründe - auch der Leidenschaft - zu stürzen drohen (wie in „Mein Ruh ist hin“). Häuser, die ihre vermeintliche Geborgenheit so schnell verlieren können wie „Das Haus der Seele - für Guido Pompilj“. - Das Motiv der ständigen Reise symbolisieren auch seine zahlreichen Boot-Skulpturen. Für ihn sind Boote Sinnbilder der ewigen, vielleicht auch der letzten Reise des Menschen wie in „Trasimeno Traum“.

 

Die Verletzlichkeit des Unzerstörbaren - Spätromantik und Postmoderne

Vittoria Aganoor ist eine Vertreterin der Spätromantik, ihr Werk ist geprägt von Individualismus und von der Zuflucht ins Irrationale. Der Szientifizierung der Welt, des Menschen und der Kunst im Zeitalter des Positivismus wird eine von wissenschaftlichem Anspruch freie Sinnwelt entgegengesetzt. Vor allem ihr Spätwerk ist durchzogen von der Erkenntnis, dass die Sehnsucht nach Glücksgeborgenheit der Realität nicht standhalten kann. Auch das vermeintlich Unzerstörbare ist verletzlich. Aus dieser Erkenntnis formuliert sie quasi programmatisch das Geständnis der Epoche des “fine del secolo”: “Come è stanco / il pensiero!“ („Wie ist er doch so müd geworden/ der Gedanke“). Und dennoch : Im Vergehen ist etwas im Werden, was bei Vittoria Aganoor soviel heißt wie: „Domani!“ („Morgen!“). So lautet der Titel ihres letzten Gedichtes, das endet mit „ …e possibile è tutto“ („… und möglich ist alles“).

In Wolfgang Sandts Werken wird die Realität der Materie, ihre Schwere immer wieder in Frage gestellt. Auch bei ihm ist somit eine Gegenbewegung zum Positivismus, zum Fortschrittsglauben der Moderne zu sehen. Er betrachtet die Welt nicht auf ein Fortschrittsziel hin, sondern als pluralistisch, zufällig, chaotisch und in ihren hinfälligen Momenten. Das Fragile, die Risse im Stein oder das Zerbersten werden sogar in Kauf genommen. Auf den ersten Blick scheinen seine Skulpturen klar und einfach. Ihre Ausstrahlung ist dennoch schwankend und unsicher. Sie wirken nicht nur zerbrechlich, sondern sie sind – atemstockend – zerstörbar. So seine „Fragile Stele“, lang, schlank, elegant und mit fragilen Bereichen haarscharf am Rande des Zerbrechens. Immer wieder stellt er die Frage nach der beständigen Veränderlichkeit unverrückbar feststehender Werte und Gegebenheiten. Auch sein Werk spiegelt somit die existentielle Frage nach der Verletzbarkeit, ja dem Scheitern, nicht nur der Kunst, sondern des Menschen.

Dr. Annette Greifenhagen, März 2013

 

Wolfgang Sandt Neue Skulpturen

Kunstverein Ottobrunn, Einführung von Julia Wegat

Steine

"Es ist das reine, klare, unbewegte Element, dass diese Kraft ausübt." Diese Aussage entstammt einem Brief, den Wilhelm von Humboldt im Dezember 1827 an Charlotte Ried richtete. Der Inhalt ist bezogen auf den anhaltend verweilenden Anblick ganz einfacher Gegenstände in der Natur - frei von intellektueller Vorbestimmung, von emotionaler Erwartung und idealistischer Übertragung.

Intensiver als jede andere Art der Kunst, setzt sich die Bildhauerei, die Steinbildhauerei mit den Gegebenheiten der Kunst auseinander. Nichts könnte womöglich weniger künstlich sein.

Hans Arp und Henry Moore thematisieren den Stein, seine gefundene Ausdruckskraft, seinanonym zufällig und natürlich gewachsenes Erscheinungsbild. Constantin Brancusi und Alberto Giacometti konzentrieren den Stein auf seine figürlich assoziative Formgebung seine universale Symbolträchtigkeit.

Wolfgang Sandts Steine spielen mit dem gedanklichen Gegenteil ihrer Eigenschaften.

Die handwerklichen Arbeitsspuren in den skulpturalen Formen Wolfgang Sandts zeigen eine langanhaltende, behutsame, gewaltlose, ruhige, vorsichtige Arbeitsweise. Diese Skulpturen wirken klar, einfach, ihre Ausstrahlung ist dennoch schwankend, fragil, unsicher. Ihre Betrachtung lässt unsere Bewegungsabläufe Gehen, Sehen und Fühlen anhalten. Sie wirken so zerbrechlich, so - atemstockend - zerstörbar.

Steine gibt es ja in allen Formen auf unserem Planeten. Es gibt sie klein wie Kiesel und riesig wie die Alpen. Jedoch schon ab einer gewissen Größe erreichen sie ein ziemlich beachtliches Gewicht. Selbst ein kleiner Stein kann doch schon soviel wiegen, dass Sie sich im Garten einen Hexenschuß holen, wenn Sie versuchen ihn zu heben.

Wie können sie nur so zerbrechlich wirken diese schweren Brocken? Und dennoch auch so romantisch, in ihrer Schönheit und Schlichtheit, so erstrebenswert so ersehnenswert. Ein Ort am Ende der Welt an dem ein kleines Haus steht, welche Geschichte sollte nicht so beginnen?

Die früheren Arbeiten von Wolfgang Sandt, hatten bei all ihrer Fragilität, all ihrer Zerbrechlichkeit etwas Gefährliches. Diese hingegen wecken die Sehnsucht. Obwohl das Haus kippelig gefährlich am Hang steht bleibt doch die Sehnsucht dort zu sein, so klein zu sein, diese majestätische Stille im grauen Haus am Hang erleben zu dürfen. Ja da ist noch etwas . So klein zu sein. Diese Häuser sind zu klein für Menschen. Obwohl Menschenhäuser aus Stein gebaut sind. Am Stein mag es also nicht liegen. Nur Zwerge könnten hier wohnen. Vielleicht ist es dies was diesen Häusern das Märchenhafte, das Romantische gibt. Das kleine Haus am Ende der Welt...

Durch das Einwirken natürlicher Kräfte und Bewegungen ist dem Stein ein bestimmtes Erscheinungsbild gegeben. Dieses korrespondiert im günstigsten Falle mit einer künstlerischen Perspektive die ihrerseits in den Stein eingreift, das Vorhandene aufnimmt und in eine weitere Dimension überträgt.

Die Steine hier im Untergeschoss der Galerie erinnern oft an geschichtliche, symbolträchtige Zeichen: Kultstein, Denkmal, Wegmarke, Grenzstein. Ihre Markierungen könnten auf Richtungen und Zentren, Punkte und Flächen, Linienführungen und Rauminhalte verweisen. Die allgemein gültige Stilvereinbarung steht für eine unambitionierte künstlerische Substanz, die sich konkret und direkt in den Dienst des Menschen stellt. Nach Jahrhunderte langen realistischen Ambitionen in der Kunst - auch im Sinne der Nachahmungstendenzen in der Skulptur der Antike und der christlichen Traditionen - wird bei zeitgenössischen Künstlern die naturverbundene Ausdruckssprache wieder bewusst aktiviert. Dies auch in der Suche nach einer substantiellen, einfachen Formensprache.

Und doch wirken die typologischen Eigenschaften von Wolfgang Sandts Arbeiten immer so, als wollte er immer wieder eine bestimmte Grundidee der Skulptur in eine jeweils andere Form bringen.

Die Varianten richten sich nach den natürlichen Eigenschaften der Steine selbst, nach allgemeinen Merkmalen, typologische Kriterien (unterschiedliche Gesteinsarten), nach individuellen Eigenarten im Stein (Adern, lineare Strukturen, Brüche, Farbabstufungen, Erosion, Patina) und nach seiner Größe.

Immer ist das Thema die Unsicherheit und die Fragilität der Skulptur, ... des Menschen?

Hier bleibt mir, an letzter Stelle, auf eine Arbeit hinzuweisen die Sie sicherlich kennen und die Wolfgang Sandt immer noch mit Ottobrunn verbindet. Auch hier zeigt sich der selbe Aspekt seiner Arbeit: Die Unsicherheit, die Fragilität des Menschen, seine Gefährdetheit, seine Zerbrechlichkeit, allerdings nicht in Form von kippligen Häusern oder zerbrechenden Stelen sondern als Mahnmal wieder die Verbrechen die Menschen an Menschen zu begehen fähig sind. Obwohl Wolfgang Sandt schon 1988 ein steinernes Mahnmal für die hier inhaftierten Zwangsarbeiter des Dritten Reichs im KZ Außenlager Ottobrunn entwarf und es auch fertig stellte, konnte sich die Gemeinde nicht auf einen Aufstellungsplatz einigen. Die Skulptur stand sechs Jahre lang im Innenhof des Ottobrunner Gymnasiums bevor sie nun ihren endgültigen Standort in Ottobrunn fand.

Bleibt mir zu sagen, genießen Sie die Ausstellung, fühlen Sie sich mal fragil, mal leicht, mal schwer, mal klein, genießen Sie die Bildwerke von Wolfgang Sandt, die Sie natürlich alle käuflich erwerben können...

Die Verletzlichkeit des Unzerstörbaren

Die Arbeiten des Bildhauers Wolfgang Sandt

Wolfgang Sandt, deutscher Bildhauer mit Faible für Umbrien, arbeitet hauptsächlich mit Stein, aber auch mit Holz und verschiedenen anderen Materialien, wobei er auch Fundstücke in seine Skulpturen integriert. Seine Arbeiten sind sowohl naturalistisch als auch ungegenständlich.

Seit geraumer Zeit beschäftigt er sich mit dem Thema der „Zerbrechlichkeit“, der Frage nach der beständigen Veränderlichkeit unverrückbar feststehender Werte und Gegebenheiten. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung sind seine „fragilen Stelen“, lang, schlank, elegant und immer mit fragilen Bereichen haarscharf am Rande des Zerbrechens. Dazu sagt Wolfgang Sandt: „Der Künstler muss stets bis zum Äußersten gehen“. Er ist fasziniert vom Gegensatz zwischen der Schwere des Materials (in diesem Fall Stein) und der Leichtigkeit der Form: er sucht die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Ein anderer Gegensatz, der in seinem Werk sichtbar wird, ist der zwischen der Festigkeit des Steins und der Ungreifbarkeit des Lichts. Wolfgang Sandt gelingt es, den Stein so fein zu bearbeiten, dass dieser lichtdurchlässig wird. Er erschafft damit wahre „Lichtsteine“. In seinen aktuellsten Arbeiten erschuf er einen Zyklus von steinernen Häusern. Aber was für Häuser sind das? Häuser auf Rädern, „mobile homes“, bereit, jederzeit ihren Standort zu verlassen, mit unbekanntem Ziel. Häuser mit Bruchstellen und in allen erdenklichen kippeligen Situationen. Und schon wieder wird das Beständige, vermeintlich Sichere (manchmal mit einem Augenzwinkern) in Frage gestellt.

Von Prof. Corrado Attili. Aus: Umbria Cultura, Marzo 2002

(Übersetzung Dr. A. Greifenhagen)